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Leistungsspektrum

 

Die Sonne bringt es an den Tag
Keinewegs nur ein ästethisches Problem: Krampfadern

Die Blutgefäße transportieren das Leben, und zwar von den Haarwurzeln bis zu den Zehen. 100.000 Kilometer misst das Blutgefäßsystem im Körper, was etwa dem Doppelten des Erdumpfangs entspricht.
Nur zehn Prozent des gesamten Venenblutes fließen über die oberflächlichen, 90 Prozent über die tiefliegenden Venen. Kribbeln in den Beinen, Schweregefühl bis hin zu Schmerzen und Verfärbungen sind Signale, dass die Gefäße nicht mehr voll funktionsfähig sind. Und: Spätestens die Sonne bringt unschöne Krampfadern an nackten Beinen an den Tag.

Top MAGAZIN befragte den Gefäßchirurgen Dr. Andreas Deicke aus Düsseldorf zu diesem Problem, für das die rechte Sensibilisierung in der Öffentlichkeit noch fehlt.

Top MAGAZIN: Treten Venenerkrankungen heutzutage häufiger auf als vor 50 oder l00 Jahren?
DR. ANDREAS DEICKE: Venenerkrankungen sind meist ererbt, dennoch gehören sie zu den Zivilisationskrankheiten. Hormoneinnahmen, beispielsweise Antibabypille, können Thrombosen begünstigen. Natürlich spielen auch Essgewohnheiten, Übergewicht, fehlende Bewegung und Missbrauch von Genussmitteln eine Rolle. Die Venen sind für den Rückfluss des Venenblutes zum Herzen verantwortlich. Ist der gestört, können schwerwiegende Erkrankungen des Herz Kreislaufsystems folgen, die zu den häufigsten der westlichen Welt gehören.

Wiederum ist das Gesundheitsbewusstsein heute ja weit ausgeprägter als früher...
Das stimmt. Leute mit Venenerkrankungen in der Familie sind weit sensibilisierter als früher und kommen auch schon in jüngeren Jahren zur Vorsorge in die Praxis. Andererseits werden bei Routineuntersuchungen oft die Venen vernachlässigt. Der untersuchende Arzt sollte auch einen Blick auf Füße und Beine werfen.

Besenreiser gelten zwar als kosmetisch unschön, sind aber dennoch eher harmlos, richtig?
Wenn es wirklich nur Besenreiser sind, stimmt das. Nicht selten sind sie aber Anzeichen für ein beginnendes Venenleiden. Das klassische Einspritzen eines Verödungsmittels mit anschließender Kompression ist nach wie vor das probate Mittel, Be­senreiser zu entfernen. Zufriedenstellende Ergebnisse nach einer Lasertherapie sehen wir seltener.

Sind Krampfadern oder Besenreiser ein vorwiegend weibliches Problem?
Ich sehe in meiner Sprechstunde 99,9 Prozent Patientinnen. Was aber nicht bedeutet, dass Venenerkrankungen nicht auch viele Männer betreffen. Das ästhetische Empfinden ist bei denen oft nicht so ausgeprägt, und sie stören sich nicht so sehr an Krampfadern oder knotigen Beinen.

Lässt sich am Grad der Krampfadern Thrombose-Gefahr ablesen?
Man kann das schon sehen. Die akuten Fälle treten gerade zu Urlaubszeiten auf, wenn die Fliegerei wieder anfängt. Bei den vergleichsweise engen Plätzen in der Touristenklasse reichen schon zwei bis drei Flugstunden aus. Auffällige Schwellungen, also „dicke" Beine mit rötlich-bläulichen Verfärbungen, und vor allem fürchterliche Schmerzen sind Thrombose-Anzeichen, die auch sofort behandelt werden müssen. Mit Hilfe der Phlebographie, also Röntgen der tiefen Venen nach Einspritzung eines Kontrastmittels, wird die Diagnose erstellt. Ultraschall und Farbduplex reichen nicht aus.

Wie wird therapiert?
Die Tiefenvenen-Unterschenkelthrombose kann man, wenn sie frisch ist, mit dem sogenannten Lyse-Verfahren auflösen. Das kann unangenehme Begleiterscheinungen, wie zum Beispiel Kopfschmerzen, haben. Ist die Thrombose nicht mehr ganz frisch, werden blutverdünnende Mittel eingesetzt, was die Blutgerinnung natürlich herabsetzt. Eine frische Thrombose im Becken- und Oberschenkelbereich sollte operiert werden wegen der Gefahr einer Lungenembolie.

Bekanntermaßen kann die Antibabypille Venenverengung, Thrombose bewirken, wie ist es mit Klimakteriums-Präparaten?
Bei Hormonpräparaten besteht generell ein erhöhtes Thromboserisiko. Wer Hormonmedikamente einnimmt, sollte regelmäßig Ultraschalluntersuchung und Funktionsprüfung der Venen durchführen lassen.
Bei entsprechender Disposition zu Venenerkrankungen sollte eine Rücksprache mit dem Gynäkologen erfolgen.

Wie beugt man Venenerkrankungen vor?
Gewichtsreduktion, falls erforderlich, und körperliche Bewegung bewirken viel. Marathonsportarten, Leistungssport sind nicht gefragt. Sanfte Sportarten wie Radfahren, gemäßigtes Laufen, besser noch: Gehen, sind empfehlenswert. Und natürlich Kneipp'sche Anwendungen oder wenigstens Wechselduschen. Bei Berufen, die vorwiegend im Stehen und Sitzen ausgeübt werden, sind Kompressionsstrümpfe anzuraten. Die gibt es jetzt in allen möglichen modischen Farben. Sie sind auf Rezept im Sanitätshaus zu erhalten, wo auch eingehend beraten wird. Dazu kommen physikalische Therapien wie Fußgymnastik. So kann man genug Muskulatur aufbauen, die dann selbst die Kompression auf die Tiefenvenen ausübt, also die natürliche Funktion wieder übernimmt. Auch Barfußgehen ist sehr gut für die Venen.

Wird durch eine Operation das Bein wieder richtig schön glatt, verschwinden die Krampfadern vollständig?
Erst einmal: Es handelt sich immer um eine medizinisch indizierte Operation, wobei das Ergebnis natürlich den ästhetischen Erwartungen entsprechen sollte. Wenn man die Krampfadern nämlich nicht behandelt, egal ob konservativ oder operativ, wird es im Laufe der Jahre immer schlimmer, was bis hin zum offenen Bein führen kann. Und das ist sehr schwer und oftmals gar nicht zu heilen. Sind die Schlagadern in Ordnung und funktionieren die tiefliegenden Venen, spricht nichts gegen eine Operation der oberflächlichen Venen, und das Bein kann hinterher wieder richtig schön glatt aussehen - natürlich ohne sichtbare Narben.

Wie geht die Operation vor sich, wie lange ist der Patient aus dem Verkehr gezogen?
Ich operiere ambulant, wobei der Patient danach zu Hause versorgt werden muss, denn selber Einkaufen oder gar Saubermachen ist in der ersten Woche zu vermeiden. Am Tag nach der OP wird in der Praxis neu verbunden, nach einer Woche werden die Mikrowundfäden gezogen, dann müssen für etwa einen Monat Kompressionsstrümpfe getragen werden. Man sollte sich auf etwa zehn Tage Arbeitsunfähigkeit einstellen, sportliche Betätigung ist im Normalfall ab der zweiten Woche erlaubt. Aber wie gesagt nur moderat. Und: An anderer Stelle können Krampfadern natürlich auch nach der OP wieder auftauchen. Also mindestens einmal im Jahr einen Gefäßcheck machen lassen!

Gibt es Altersbegrenzungen bei Venenleiden beziehungsweise für die Operation?
Nein. Meine jüngste Patientin mit Krampfadern war 12 Jahre alt. Da muss differenziert werden, ob es sich nicht um angeborene Gefäßmissbildungen handelt, die auch mit anderen Erkrankungen einhergehen können. Die Grenze nach oben richtet sich nach der Gesamtkondition des Patienten. Ein 70-Jähriger zum Beispiel kann ohne weiteres operiert werden, wenn er geistig und körperlich - gerade die inneren Organe wie Herz, Kreislauf, Leber betreffend - fit ist.

Gibt es auch Krampfadern an anderen Körperteilen?
Am Arm, Dekolleté oder im Schulterbereich kann man Krampfadern bekommen. Das kann auch Ausdruck einer nicht bemerkten Thrombose sein. Gefährdet sind manuell tätige Personen, ob Handwerker oder Bildhauer. Bemerkbar macht sich das auch hier beispielsweise durch eine Anschwellung des Armes.
Wie bei den Beinen gilt: Zuerst muss das tiefliegende Gefäßsystem geprüft werden. Es wäre sträflich, diese vermehrten Venen oder Krampfadern einfach zu entfernen, weil damit ein kostbarer Umgehungskreislauf zerstört würde, wenn eben die tiefen Venen nicht in Ordnung sind. Trotz aller Vorsicht und allen Gesundheitsbewusstseins: Ich rate meinen Patienten immer, nicht am Leben vorbeizugehen!